Läutwerke in der Schweiz

Berichterstattung von H.R. Lüthy-Pavan, Gestaltung von Franz Straka

Elektrische Läutwerke sind Vorrichtungen, die dazu dienen, den Bahnwärtern und den auf der Bahnstrecke beschäftigten Arbeitern durch Läutesignale gewisse Nachrichten und Aufträge zu geben. Es handelt sich hier um kräftig gebaute Schlagwerke mit Gewichtsbetrieb, ähnlich den Turmschlagwerken und mit elektromagnetischer Auslösung. Die geläufigste Bauart waren die Läutwerke der Firma Siemens & Halske Aktiengesellschaft Berlin, die im Jahre 1847 erfunden wurden.

Das "Mantelläutwerk" das entlang der Gotthardbahn zu sehen war, bei Wärter- u Schrankenposten sowie vor Bahnhofgebäuden. Foto: SBB



Zwei "Säulenläutewerke" im Bahnhof Poschiavo.
Foto: H.R. Lüthy

Der Mechanismus im Inneren wurde durch den Gleichstrom des Induktors ausgelöst und sperrte sich nach Ablauf der für die Strecke vorgesehenen Anzahl von Glockenschlägen selbständig. Die Antriebskraft für den Glockenklöppel liefert ein Gewicht, das nach etwa 25maliger Betätigung des Läutewerkes abgelaufen war. Danach musste das Gewicht vom Wärter wieder aufgezogen werden. Durch einen Stromstoss aus dem Läuteinduktor wurde der Auslösemagnet erregt. Dieser wurde meist neben den Zugmeldeapparaten (Morsewerk usw.) aufgestellt, damit sich der Fahrdienstleiter leicht daran gewöhnte, unmittelbar nach der Abmeldung des Zuges die Schrankenwärter durch Läutesignale zu unterrichten. Wo es für den Fahrdienstleiter wichtig war, das Ablassen eines Zuges von der Nachbarstation auch durch hörbare Signale zu erfahren, konnten auch Bahnsteig- und Zimmerläutewerke eingeschaltet werden.


Das "Spindel- oder Einradläutewerk" am typischen Standort bei den Schweiz. Bundesbahnen, an den Schrankenposten Bild: SBB
Es gibt verschiedene Ausführungen der Läutewerke. Das „ Mantelläutewerk “ ist in einem "budenartigen" eisernen Gehäuse aufgestellt, in den auch der (vor allem zum Schutz des Elektromagnetes erforderliche) Blitzableiter angebracht ist. Es gibt hievon „Einschlag- und Zweischlagwerke“. Im Gehäuse ist eine grosse Türe mit dem Läutewerk angebracht. Die „Mantelläutewerke“ kannte man vor allem entlang der Gotthardbahn in der Schweiz. Das Verkehrshaus der Schweiz in Luzern beherbergt das einzige 3-Schlagläutewerk, welches in Arth-Goldau für drei Bahnlinien in Verwendung gestanden hat.

Bei einzelnen Bahnen ist auch das einfache „ Spindel - oder Einradläutewerk “ der Siemens & Halske Aktiengesellschaft im Gebrauch. Mit einem Werk, das, wie mit einem Rad nach Art der Schwarzwälder Wecker, seine Aufgabe erfüllte. Der Hammerstiel ist am oberen Ende einer senkrechten Spindel befestigt und wird mit dem Hammer am inneren Rand der Glocke geschlagen.


"Säulenläutewerke" im Bahnhof Romanshorn, die seit 2005 zum Museum gehören. Foto: Sammlung SVEA

Ein "Säulenläutewerk" in einem Schrebergarten eines Eisenbahnenthusiasten in Zürich, Foto: H.R.Lüthy
Das Werk ist auf einer das Gewicht aufnehmenden Hohlsäule montiert und von einem auf Stützen ruhenden Dach bedeckt, das die Glocke, die Isolatoren und die Leitungseinführung trägt. Ähnlich wie beim Mantelläutewerk wird es durch einen Blechmantel geschützt, der an zwei Handgriffen herabgezogen werden kann.

Das "Mantelläutewerk" links und das "Spindel- od. Einradläutewerk" von Siemens & Halske Aktiengesellschaft Berlin.

Die grösste Verbreitung in Österreich-Ungarn erreichte das „ Leopoldsche Läutwerk“, welches mit Ruhestrombetrieb (d.h. die Leitung ist im Ruhestand vom Strom durchflossen) betrieben wurde. die Anker der Elektromagnete waren dauernd angezogen und die Auslösung erfolgte durch eine Stromunterbrechung. An der Pariser Weltausstellung 1847 war Friedrich von Hefner-Alteneck aus Berlin (er studierte an der technischen Hochschule München und dem Polytechnikum Zürich) von den Erzeugnissen von Siemens & Halske beeindruckt.

Er bewarb sich bei dieser Firma als Zeichner, diese hatte aber für ihn jedoch keine Verwendung. Deshalb versuchte er es als „Arbeiter“ und wurde eingestellt. Schon bald fiel sein technisches Talent auf. Durch seine herausragenden Arbeiten im Bereich der Konstruktion schaffte er es bald zu einem Assistentenposten.

Er verbesserte die Telegrafenapparate und entwickelte mit Oberingenieur Frischen aus Bremen für die Eisenbahn das Läutewerk, einen Geschwindigkeitsanzeiger und –registrator sowie Blockapparate. Die Läutsäulen von Hefner-Alteneck sieht der Siemens & Halske-Konstruktion deshalb auch ganz ähnlich. Seitdem die Zugmeldungen nicht mehr über das Morsewerk, sondern fernmündlich (Telefon bzw. Zugfunk) gegeben werden und die Schrankenwärter nicht mehr in das Zugmeldeverfahren eingebunden sind wurden die Leutwerke ab Mitte der 1990er-Jahre entbehrlich. Die Isolatoren auf den Läutewerken waren schon ca. 1950 entfernt worden (die Stromzufuhr erfolgte über separate Leitungen von unten). Die Rhätische Bahn hat auf verschiedenen Stationen noch die Säulenläutewerke stehen und sie sind zum Teil auch noch im Gebrauch. Besonders sehenswert ist die 3-teilige Anlage in Filisur.

Text und Bildmaterial: H.R. Lüthy-Pavan
Gestaltung von Franz Straka
Jänner 2009